Telegram Datenschutz · Krypto-Messenger aus Russland?

Der weit verbreitete Instant-Messaging-Dienst Telegram hat über 500 Millionen registrierte Nutzer und ist hinsichtlich seines Chat-Angebots ein ernstzunehmender Whatsapp-Konkurrent. In diesem Zusammenhang lese ich in Zeitungen oft vom „Krypto-Messenger Telegram.“ Medial wird dem Messenger Datenschutz und ein hohes Maß an Freiheitlichkeit zugesprochen. Dies zieht auch Menschen an, die nett ausgedrückt, interessante Ansichten über die Welt haben. Setzt man sich mit der Plattform Telegram auseinander, haben wir es mit dem „osteuropäischen Whatsapp“ zu tun – mit intelligenteren Funktionen, aber mit ebenso fraglichem Datenschutz.

Wie registriert man sich bei Telegram?

Für die Registrierung bei Telegram ist die Verknüpfung mit einer Mobilfunknummer erforderlich. Die anonyme Nutzung ist aufgrund der staatlichen Registrierungspflicht für Prepaid-SIM-Karten grundsätzlich nicht möglich. Ähnlich gehen andere Messenger vor. Freunden der Freiheit sei diesbezüglich ein Kroatien-Reise zu empfehlen. Immerhin kann man bei Telegram einstellen, ob andere Nutzer die Telefonnummer sehen können oder nicht. Schränkt man die Auffindbarkeit derart ein, kann man nur noch über den selbst gewählten Nutzernamen gefunden werden.

Der Gründer Pawel Durov: Russisches IT-Genie

Gründer von Telegram ist der Exil-Russe und Unternehmer Pawel Durov. Der russische Milliardär bzw. Digitalnomade mit der Staatsbürgerschaft von Russland und St. Kitts und Nevis hat sein Vermögen mit dem Verkauf des sozialen Netzwerk vk.com („russisches Facebook“) aufgebaut, sodass ihm der Titel „russischer Mark Zuckerberg“ zugeschrieben wird. Nach der Beschlagnahme eines Servers bei einer Wohnungsdurchsuchung hat er Russland dauerhaft verlassen. Schade, denn auch wenn ich nicht alle seine Ansichten teile, sind junge kreative Köpfe nötig, um den russischen Bären Россия zu einer führenden IT-Nation des 21. Jahrhunderts zu transformieren.

Die Finanzierung von Telegram

Im Hinblick auf den Datenschutz ist die Vorgeschichte bedenklich. Vergleicht man das soziale Netzwerk VK mit Facebook, drängt sich der Vergleich von Telegram mit Whatsapp geradezu auf. Geschäftsmodell von VK war und ist der Verkauf von Werbeplätzen für personalisierte Werbung.

Bisher haben die Durow-Brüder (Pawel und Nikolai) nach eigenen Aussagen aus eigener Tasche finanziert. Das nötige Kleingeld hat(te) man. Da eine stabile Server-Infrastruktur für über 500 Millionen Nutzende mit erheblichem Kostenaufwand einhergeht, ist Telegram wirtschaftlich gezwungen ein tragfähiges Finanzierungsmodell zu finden. Die Zahlungsbereitschaft der Nutzer ist kaum ausgeprägt, sodass man in Zukunft – wie konnte es anders sein – auf Werbung setzt.

 Regular users will be able to keep enjoying Telegram – for free, forever. All parts of Telegram devoted to messaging will remain ad-free. We think that displaying ads in private 1-to-1 chats or group chats is a bad idea. Communication between people should be free of advertising of any sort. […] We will [introduce] our own Ad Platform for public one-to-many channels – one that is user-friendly, respects privacy and allows us to cover the costs of servers and traffic. If Telegram starts earning money, the community should also benefit. […] (https://t.me/durov/142)

Im Durov´s Channel auf Telegram wird die Einführung einer eigenen Werbeplattform für Telegram Channels angekündigt. Damit sollten die Kosten für Server und Traffic gedeckt werden. (Private) Chats zwischen Einzelpersonen sollen (zunächst) von Werbung ausgenommen sein. Hinsichtlich der Monetarisierung hätte ich persönlich statt auf Werbung auf eine Business-API gesetzt, die Geschäftskunden den Versand von Telegram-Nachrichten in Rechnung stellt.

Unternehmenssitz: Wo sitzt Telegram?

Bei einem „Krypto-Messenger“ ist Vertrauen das wichtigste Gut. In der App-Beschreibung von Telegram im Google Play Store ist eine Adresse in Dubai genannt (Business Central Towers, Tower A, Office 1003/1004, P.O. Box 501919, Dubai, United Arab Emirates). Nachdem man St. Petersburg, Berlin, London und Singapur verlassen hat, hat das Entwicklerteam hier seinen Sitz.

Das Entwicklungsteam von Telegram hat seinen Sitz in Dubai.
Die meisten Entwickler bei Telegram stammen ursprünglich aus St. Petersburg. Sankt Petersburg ist bekannt für hoch qualifizierte Programmierer. Das Telegram-Team musste Russland aufgrund lokaler IT-Vorschriften verlassen und hat eine Reihe von Standorten ausprobiert, darunter Berlin, London und Singapur. Derzeit sind wir mit Dubai zufrieden, aber jederzeit bereit, wieder umzuziehen, wenn sich die dortigen Vorschriften ändern sollten.
(https://telegram.org/faq/de#f-wo-ist-der-standort-von-telegram)

Die Telegram Messenger LLP war unter einer Londoner Adresse eines Unternehmens registriert, das seinen Hauptsitz auf den Seychellen hat. Gesellschafter dieses Unternehemens sind zwei Firmen mit Sitz auf den Jungferninseln und in Belize. Nach Auflösung sitzt die Telegram FZ-LLC also in Dubai. Das passt ins Bild vom „digitalen Nomaden“ Pawel Durov. Ich vermute, dass der Standortwahl steuerliche und bürokratische Erwägungen sowie IT-Fragen zu Grunde liegen.

Dubai gilt als Steueroase, da keine direkten Steuern bzw. keine Einkommensteuer erhoben wird. Und auch für Unternehmen gibt es, mit Ausnahme der Geldinstitute und der Erdölindustrie, keine Unternehmensbesteuerung (https://www.gruender.de/gruendung/dubai-startup-standort/).

Sankt Petersburg hat man aufgrund der IT-Vorschriften (Stichwort: nationales Internet). In Berlin hat man sich sicherlich an der deutschen Bürokratie und den Regulierungsbehörden verbissen. In Dubai kann Durov steueroptimiert agieren und muss sich über staatliche Regulierung kaum Gedanken machen. Aus Unternehmenssicht total verständlich, für den Datenschutz bedenklich.

Keine Datenschutzerklärung auf Deutsch

Aprops Regulierung. Die Datenschutzerklärung von Telegram wird nur in englischer Sprache angeboten. Eine deutsche Fassung gibt es nicht. Europäische Datenschutzgesetze, namentlich Art. 13 Abs.1 S.1 DSGVO, hat man nicht auf dem Schirm bzw. werden schlichtweg ignoriert.

Art. 13 I 1 DSGVO: Der Verantwortliche trifft geeignete Maßnahmen, um der betroffenen Person alle Informationen (…) in präziser, transparenter, verständlicher und leicht zugänglicher Form in einer klaren und einfachen Sprache zu übermitteln;

Cloud-Messaging und Secret Chat

Die Funktionsweise von Telegram ist zudem ein gravierendes Sicherheitsrisiko für Nutzer, die sich in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Telegram setzt auf Cloud-Messaging. Dies ermöglicht es, dass man Nachrichten auf mehreren Geräten empfangen und senden kann. Deshalb sind im Ausgangszustand Nachrichten lediglich serverseitig verschlüsselt, während eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung standardmäßig ausgeschaltet ist. Erst wenn man aktiv einen „Secret Chat“ bzw. geheimen Chat startet, ist die E2E-Verschlüsselung eingeschaltet. Entsprechende Telegram-Nachrichten sieht man dann nur auf einem Gerät. Gruppen-Chats wiederum verzichten ebenfalls auf E2E. Dies kann man auch nicht ändern. In anderen Worten: Nutzer fühlen sich sicher bzw. unbeobachtet, obwohl die meisten Telegram-Nachrichten nicht hinreichend vor Dritt-Angriffen geschützt sind. Das wird ein großer Spaß für den Verfassungsschutz mit Attila Hildmann und Co.

Den Kampf der Krypto-Messenger betrachten Telegram und Whatsapp erfolgreich von der Seitenlinie. Die Werte Datenschutz und Freiheit verkörpern weder Telegram noch Whatsapp.

Fazit · Telegram Datenschutz

Insgesamt ist Telegram ein Messenger, der mit seinem Angebot die breite Masse überzeugt und Whatsapp in den Funktionen technisch überlegen ist. Im Hinblick auf den Datenschutz bieten sich beide Instant-Messaging-Dienste ein „Keller-Duel“. Den Mehrwert von Telegram sehe ich in den Telegram-Channels und der Unabhängigkeit von einem Konzern wie Facebook. Datenschutz hingegen ist keine Stärke. Diesbezüglich sollte man sich richtige „Krypto-Messenger“ suchen. Abschließend ein Einblick in die russische Popkultur zu Telegram mit „Элджей – Secret Chat“.


LG Mr. Datenschutz – die Adresse für Datenschutz und Freiheit

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