Quantensprünge bei Web-Suche? · Qwant Datenschutz

Qwant positioniert sich selbst als „Suchmaschine, die Ihre Privatsphäre respektiert“. Sie liefert eigene Suchergebnisse, kooperiert aber in der Hinsicht vor allem mit Microsoft Bing. Kann Qwant auch Quantensprünge im Hinblick auf Datenschutz und Privatsphäre vorweisen?

Was ist Qwant?

Qwant ist eine europäische Suchmaschine (https://www.qwant.com/), die von der französischen Qwant S.A.S. betrieben wird. Hauptsitz des 2013 gegründeten Anbieters ist die Stadt der Liebe: Paris. Das Unternehmen greift auf einen eigenen Suchindex zu, lässt sich aber gleichsam von Bing unter die Arme greifen. Ebenfalls im Angebot ist eine Lite-Variante sowie Qwant Junior.

Das Datenschutzversprechen von Qwant

In der Suchmaske wirbt qwant.com mit Datenschutz. Auf dem ersten Blick kommt mir ein ABER.

Die (verantwortungsvolle) Suchmaschine, die ihre Privatsphäre respektiert
https://www.qwant.com/

Auf der Startseite begegnet mir direkt Werbung. Das trübt meinen ersten Eindruck zu Qwant. Technisch stütze ich mich auf die Analyse des IT-Sicherheitsexperten Mike Kuketz, da mein Schwerpunkt in der juristischen Datenschutz-Einordnung und auf der Nutzerperspektive liegt.

Eine Überprüfung mit Webbkoll ergibt, dass Qwant auf die Einbindung von Ressourcen aus Drittquellen und auch Cookies vollständig verzichtet. Optimierungsbedarf sehe ich allerdings beim Referrer, den HTTP Security Headers und der Content-Security-Policy (CSP), die mit »unsafe-inline« und auch »unsafe-eval« arbeitet (Kuketz-Blog.de: Suchmaschine Qwant näher betrachtet).

Die Datenschutzrichtlinie ist umfangreicher und schwerer zu lesen als z.B. bei Startpage oder Metager. Das bedeutet jedoch nicht, dass hier „schlimmere Sachen“ passieren, sondern, dass man sich juristisch für mehr Eventualitäten (in deutscher Rechtssprache) abgesichert hat.

Qwant achtet darauf, Ihre Privatsphäre bestmöglichst zu schützen, denn das ist das Herzstück unserer Philosophie. Es zählt zu Ihrer Privatsphäre, wofür Sie Qwant nutzen und wir möchten dies nicht wissen. Wir speichern Ihren Suchverlauf nicht ab und wir gestalten kein Werbeprofil, um Sie entsprechend anzuwerben. 
https://about.qwant.com/de/legal/confidentialite/

Einige Ausschnitte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), die ich als wichtig einschätze:

Qwant speichert 7 Tage lang das/die eingegebene(n) Stichwort(e) in Verbindung mit einem Pseudonym-Identifikator, der aus dem User Agent Ihres Browsers und dem Salted Hash Ihrer IP-Adresse berechnet wird. Nach diesem Zeitraum sind die Stichworte nicht mehr mit einem Identifikator verbunden und werden 12 Monate lang für aggregierte statistische Analysen aufbewahrt.

Die Kombination aus Salted Hash der IP-Adresse (BGH: IP-Adressen sind personenbezogene Daten) und User Agent sind pseudonymisierte Daten. Unter bestimmten Umständen kann damit anders als bei anonymen Daten noch ein Rückschluss auf den Nutzer gezogen werden. Auf der anderen Seite sind 7 Tage (eine Woche) ein kurzer Zeitraum. Bei Metager sind es nur 4 Tage. Dass Stichworte danach ohne Identifikator gespeichert werden, sehe ich als unkritisch an.

Um Ihnen relevante Ergebnisse aus der ganzen Welt liefern zu können, wenn wir selbst nicht die Antworten auf Ihre Fragen haben, haben wir uns mit Microsoft Ireland Operations Limited zusammengetan, um einige unserer Suchergebnisse bereitzustellen und kontextbezogene Werbung auf der Grundlage der eingegebenen Stichwörter und Ihrer geografischen Region zu schalten. […]
Die Stichworte der Suche; Informationen über den von Ihnen verwendeten Browser (den User Agent); die ersten drei Bytes Ihrer IP-Adresse; das ungefähre geographische Gebiet, auf regionaler oder städtischer Ebene basierend, in dem die Suche durchgeführt wurde; der Salted Hash, der aus Ihrer IP-Adresse, Ihrem User Agent und einem Salt, das sich spätestens alle 3 Monate ändert, generiert wird. Diese Daten werden an diesen Partner innerhalb der Europäischen Union übermittelt und können in Übereinstimmung mit den Datenschutzbestimmungen von Bing maximal 18 Monate lang aufbewahrt werden.

Ähnlich wie die Öko-Suchmaschine Ecosia setzt Qwant auf Microsoft Bing als Partner. Positiv ist, dass Werbung nicht personalisiert wird, sondern kontextbezogen zum jeweiligen Suchbegriff ausgespielt wird. Eine Profilbildung findet laut Hersteller nicht statt, da Qwant verspricht, den Suchverlauf der Nutzenden nicht zu speichern und auf den Einsatz von Browser-Cookies verzichtet. Dass der Salted Hash alle 3 Monate geändert wird, ist zu begrüßen. Dagegen spielt das Microsoft in die Hände, da sie Informationen bis zu 18 Monate lang aufbewahren können.

Um Webanalysen bezüglich seiner Anwender durchzuführen und die Nutzung seiner Dienste zu verstehen, mit dem Ziel diese zu verbessern, speichert Qwant auch andere Daten in Bezug auf Ihre Nutzung der Dienste (7 Tage lang mit einem Hash verbunden, der aus Ihrer IP-Adresse und dem User Agent Ihres Browsers berechnet wird), einschließlich: der HTTP-Referrer und das Suchfeld, mit dem die Anfrage ausgelöst wurde; Informationen über die Art des angeklickten Links; bestimmte, von Ihrem User Agent abgeleitete Informationen […]

Auch an dieser Stelle gilt die magische 7 Tage-Grenze. Einfallstor für französische Behörden?

Abgesehen von der Verquickung zu Bing und der Verarbeitung durch Microsoft nehme ich die Datenschutzerklärung von Qwant als datenschutzorientiert wahr. Hier sehe ich aber Metager weiter vorne. Einschränkend sollte man sich bewusst sein: Das ist Meckern auf hohem Niveau.

Qwant · Vorteile · Nutzerperspektive

Aus der Nutzerperspektive wirkt die Werbeeinblendung auf der Startseite als Fremdkörper. Für den ein oder anderen könnte dagegen der Feed „Top News“, der beim runterscrollen erscheint interessant sein. In meinem Bekanntenkreis wiederum ist die Familie Quandt, als Hauptaktionär von BMW, bekannter, als die Suchmaschine Qwant. Meine öko-bewussten Freunde können Qwant aufgrund der dürftigen Ökobilanz nichts abgewinnen. Bei den Such-Ergebnissen, die Qwant selbst (mit Hilfe von Bing) zusammenstellt, kommt man meiner Meinung auch gut zurecht und findet das, was man sucht. Die Such-Funktion Qwant-Musik ist sehr ausgereift. Mein Lieblings-Feature „Qwant Social“ konnte ich leider nicht mehr finden (Mache ich etwas falsch?). Hier konnte man aktuelle Tweets und Co. durchsuchen. Einen direkten Vergleich mit Google habe ich nicht gestartet. Wer mit Ecosia zu Recht findet, findet wahrscheinlich auch bei Qwant zu Recht. Für Fans von Google-Ergebnisse bleibt die Option Startpage. Dass man (trotz Kooperation mit Microsoft Bing) auf einen eigenen Such-Index setzt, ist belebend, um dem Google-Suchmonopol etwas entgegenzusetzen. Hier wird IT-Know-How in Europa generiert.

Der Standort Frankreich ist im Vergleich zur US-amerikanischen Konkurrenz ein Mehrgewinn beim Datenschutz, der für die Suchmaschine Qwant spricht. Qwant als europäisches Unternehmen ist den europäischen Datenschutzgesetzen in besonderer Weise verbunden.

Qwant · Probleme · Schwächen · Kritik

Trotz der verheißungsvollen und lobenswerten Datenschutzerklärung gibt es auch einige Gesichtspunkte, die ich selbst als kritisch einstufe. In der Hinsicht sollte jeder eine eigene Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen vornehmen. Auch Suchmaschinen sind nicht perfekt.

Stärkung der Marktmacht von Microsoft

Die Franzosen setzen mit einer europäischen Such-Lösung der Übermacht von Google etwas entgegen. Im Kampf David gegen Goliath braucht man starke Partner. Einen solchen hat man sich mit Microsoft ins Boot geholt und gleichzeitig mit der Datenschutzbestimmungen von Bing das Damoklesschwert gezückt. Qwant forciert seine Anstrengungen, um mit erhobenen Daten behutsam umzugehen. Über die Verwertung der an Microsoft Bing weitergegebenen Daten hat Qwant allerdings keine Kontrolle mehr. Hier befinde ich es als gut, dass weitergegebene Daten im Rahmen gehalten werden. Dass Microsoft auch über das Werbenetzwerk profitiert, sollte man im Hinterkopf haben. Wie man dies bewertet, bleibt einem letztlich selbst überlassen.

Französische Gesetzgebung

Hellhörig werde ich vor allem bei Verbindungen zum Staat. Da ich eine Zusatzausbildung im französischen Recht habe, kenne ich mit etwas mit dem französischen Rechtssystem aus. In Frankreich wird gerne gestreikt. Für die Freiheit und den Datenschutz geht man hingegen selten auf die Barrikaden. Neben Großbritannien ist Frankreich im europäischen Rechts-Raum eines der Länder, dass sich am vehementesten für schärfere Überwachung stark macht. Mit dem schärferen Anti-Terror-Gesetz unter Macron hat man dies wieder unter Beweis gestellt. Ich kann mir daher vorstellen, dass im Speicherzeitraum von sieben Tagen die ein oder andere Behörde bei Qwant anklopft. Für den Datenschutz und die Datensicherheit ein rechtliches Einfallstor.

Beteiligungen + Finanzierung: Axel Springer + Huawei

Der letzte Link (Anti-Terror-Gesetz) führt zu einer Seite von welt.de. Das habe ich bewusst so ausgewählt. Denn die Welt-Zeitung gehört ebenso wie Bild(.de) zum Axel Springer Verlag. Die Axel Springer Digital Ventures als Tochtergesellschaft der Axel Springer SE hat sich im Jahre 2014 eine Minderheitsbeteiligung von 20 Prozent am französischen Unternehmen Qwant gesichert. Der Verlag ist bekannt für seinen Qualitäts-Journalismus. Insbesondere die Bild-Zeitung eint die Gesellschaft. Weiterhin setzt sich der Konzern für ein besseres Internet mit Upload-Filtern und fairen Leistungsschutzrechten ein. Hier lässt sich eine wunderbare Parallele zur System1 LLC bei Startpage ziehen. Anker-Investoren sind nützlich, wenn das Geld in die Weiterentwicklung datenschutzfreundlicher Lösungen investiert wird. Diesbezüglich weiß ich nicht, wie ich eine Nachricht aus 2017 einordnen soll, dass Qwant plant für die nächsten 5 Jahre 300 Millionen Euro in Marketing zu investieren. Qwant braucht sich nicht zu verstecken. Was mir noch nicht in der Klarheit bewusst war: Das Wachstum der Suchmaschine (Nutzerzahlen und Umsätze steigen) wird unter Inkaufnahme von Verlusten generiert. Beispiel der letzten Jahre:

2018– 11,2 Millionen €
2019– 23 Millionen €
2020– 13 Millionen €

Diesbezüglich hat sich die „Datenschutz“-Suchmaschine Qwant Geld aus China geholt. Der Handy-Riese Huawei aus Fernost hat eine Wandelanleihe über acht Millionen Euro zu einem Zinsfuß von 4,5% gezeichnet. Für Huawei besteht die Option die Anleihe in drei Jahren in Qwant-Aktien zu tauschen und sich damit als Share-Holder einen Anteil von 5 – 7,5% am defizitären Unternehmen zu sichern. Ebenso wird die Zusammenarbeit mit Huawei ausgebaut.

Versteht mich an dieser Stelle bitte nicht falsch: Eine Kooperation mit der Medien-Branche (Axel Springer) und Technologie-Unternehmen (Huawei) ergibt für eine Suchmaschine wie Qwant sehr viel Sinn. Die Medien-Expertise von Axel Springer kann Qwant v.a. für seinen „News“-Bereich nutzen. Dass auf Huawei Smartphones nunmehr Qwant als Suchmaschine voreingestellt ist, schadet ebenfalls keinem. Vielmehr wird dadurch die Lücke geschlossen, die aus dem politischen Machtkampf zwischen Google (USA) und Huawei (USA) ergibt. Problematisch ist hingegen, dass man in wirtschaftliche Abhängigkeit verfällt. Da Qwant nicht gewinnbringend wirtschaftet, ist der Anreiz groß, Entscheidungen in Zukunft nicht auf ideologischer, sondern ökonomischer Basis zu treffen. Unternehmens-Verstrickungen und der Datenschutz von Qwant wird beobachtet.

Fazit · Qwant · Datenschutz

Zusammenfassend will ich beantworten, ob die Suchmaschine Qwant „Quantensprünge“ beim Datenschutz zu verzeichnen hat. Dies hängt davon ab, ob man dem Januswort seine alltägliche oder physikalische Bedeutung zuspricht. Für die europäische Google-Alternative spricht die Datenschutzerklärung und der Umstand, dass Qwant deutlich datensparsamer als Google ist. Schaut man sich diesen Qwant-Beitrag, hat das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2011 eine beachtliche Entwicklung hingelegt. Es bleibt zu hoffen, dass man seinen Grundsätzen treu bleibt. Vielleicht kann man das defizitäre Qwant und dessen Datenschutz-Versprechen retten, indem man es mehr nutzt. Ein Versuch ist es wert. Wer die Verbindungen zu Axel Springer und Huawei nicht mittragen will, ist bei Metager, Startpage oder Searx gut aufgehoben.


LG Mr. Datenschutz – die Adresse für Datenschutz und Freiheit

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